Woche der Brüderlichkeit 2019
 

Unser Jahresmotto 2019: “Mensch, wo bist du?”

Einst wurde sie dem Menschen (hebr. adam) im Paradies gestellt; heute stellt sie sich der ganzen Menschheit. Der menschengemachte Klimawandel verursacht eine neue Migrationsbewegung globalen Ausmaßes, die Biotechnologie erschafft neues Leben in unvorstellbarer Weise, Digitalisierung und künstliche Intelligenz erzeugen ein Heer nutzloser Menschen und die Gefahr eines atomaren Krieges ist keineswegs gebannt. Das „Geschöpf Mensch“ hat eine glanzvolle Leistungsbilanz hingelegt und seine Macht als Schöpfer eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die an ihn gerichtete Frage „Mensch, wo bist du?“ schmälert all seine Erfolge in Wissenschaft und Technik nicht, aber sie fragt ihn: In welcher Welt und in welcher Gesellschaft willst du leben? Welche Vorstellung hast du von einem guten Leben? Welche Antworten gibt’s du auf all diese Fragen, die uns heute bedrängen?

In Übergangszeiten wie der unsrigen „wittern“ die Menschen förmlich, dass etwas Gewaltiges auf sie zukommt, ohne genau zu wissen, wie das Neue aussehen wird - und sie bekommen Angst. Verschwörungstheorien, Fake News und simple Erklärungen komplexer Zusammenhänge haben Hochkonjunktur, weil sie vorgeben, Antworten zu kennen, warum alles so ist wie es ist und Sicherheit vortäuschen. Und trotz allen technischen Fortschritts greifen noch immer die alten Mechanismen, die die Schuld für die angsteinflößenden Vorgänge in der Welt bei Minderheiten suchen, die dann als Sündenböcke in den Fokus geraten. Im Hinblick auf den Nationalsozialismus sind die Folgen bekannt. Die in Nürnberg verabschiedeten Rassengesetze von 1935 sind ein Beleg dafür, dass auch vor nicht allzu langer Zeit, Menschen zu Unter-Menschen erklärt werden konnten, um sie dann einer völlig entmenschlichten „Sonderbehandlung“ zuzuführen.

Als sich bald nach 1945 die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gründeten – eine nach der anderen, heute sind mehr als 80 über das gesamte Bundesgebiet verteilt –, standen die Menschen unter dem Schock der Kriegsgeschehnisse und des Grauens der Shoah.

Es ging darum, das nationalsozialistische, rassistisch-antisemitische Denken endgültig zu überwinden. Heute müssen wir feststellen, dass es immer noch nicht vom Tisch ist, im Gegenteil: Es scheint sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Hier gibt der regelmäßig erscheinende Antisemitismus-Bericht leider keine Entwarnung; zwar ist der „klassische“ Antisemitismus bei Jüngeren weniger vertreten, doch tauchen immer wieder neue Varianten auf. Oft machen sich z.B. antisemitische Parolen und Aktionen im Zusammenhang mit Kritik an der Politik des Staates Israel fest. Antisemitismus wird zu Anti- Israelismus. Hinzu kommen antisemitisch tradierte Einstellungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden auf Grund von Erziehung und Politik in vielen ihrer Herkunftsstaaten; sie stellen unsere gesamte Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Immer wieder müssen wir uns in der regionalen Arbeit vor Ort wie auch zentral im Deutschen Koordinierungsrat mit dem leidigen Thema in seinen vielen Facetten und Erscheinungsformen befassen.

Antisemitismus: Statt dieses griffigen, mitunter auch missbrauchten, manchmal abgegriffenen Wortes sagen wir ganz bewusst: Judenfeindschaft. Und zwar: Gemeinsam gegen Judenfeindschaft! Damit fragen wir nach der Verantwortung jedes und jeder Einzelnen. Mensch, wo bist du? – Die Frage hat einen durchaus kritischen Unterton: Die Anzeichen von Judenfeindschaft, bis hin zu konkreten Taten, werden in unserer Gesellschaft fast alltäglich. Warum gibt es hier so wenige Fortschritte und immer wieder Rückfälle? Was tun?

Antisemitismus ist nicht das Problem der jüdischen Minderheit, sondern einer Mehrheitsgesellschaft, der es an Toleranz und Zivilcourage fehlt.

Mensch, wo bist du? – Die Antwort kann nur sein: Hier bin ich, hier will ich mich engagieren und einbringen. Und zwar gemeinsam, weil wir gemeinsam stärker sind.

 
 

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